„Sie ist uns von Geburt an gegeben“

KREATIV STATT KOPIE: Viele behaupten, nicht besonders kreativ zu sein. Von wegen! Jeder von uns hat eine kreative Ader – wir müssen sie nur wiederentdecken. Dieser Meinung ist zumindest der Künstler Maneis im Interview. Mit seinen vhs-Kursen tritt er den Beweis an.
INTERVIEW: Tobias Lehra FOTO: Michaela Schneider ZEICHNUNG: Maneis

Der Künstler Maneis (1960 als Mohamad Tehrani in Teheran, Iran, geboren) musste 2009 seine Heimat wegen regimekritischer Äußerungen verlassen. Seitdem lebt und arbeitet der Künstler in Würzburg – u. a. als Dozent an der vhs. 2014 wurde er mit dem Kulturförderpreis der Stadt Würzburg ausgezeichnet. Im Interview spricht er über seinen persönlichen Kunstbegriff, warum es sich lohnt, kreativ zu sein, und wozu wir alle mit offenen Augen und Herzen durchs Leben gehen sollten.


Maneis, an Sie als Berufskünstler und somit Experten gleich die Gretchenfrage: Was bedeutet es, kreativ zu sein?

Für mich persönlich heißt es, aus Eindrücken etwas zu erschaffen – ganz gleich was. Das kann ein Gemälde sein, eine Zeichnung, Skulptur oder Geschichte. Dafür ist es wichtig, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen – und mit offenem Herzen!


In Ihrem Leben haben Sie schon viel gesehen. Inwieweit fließt Ihre persönliche Geschichte in Ihre Kunst ein?

Ich mache Kunst, um meine Gefühle auszudrücken. Und meine Gefühle sind immer abhängig von meiner Umgebung, meinen Lebensumständen. Natürlich habe ich jetzt in meiner neuen Heimat ein anderes Lebensgefühl, demnach sieht meine Kunst hier auch anders aus.


Können Sie das genauer erklären?

Als ich im Iran lebte, wollte ich moderne orientalische Kunst schaffen und habe sogar einen eigenen Stil begründet: „SufiArt“. Als ich nach Deutschland kam, hat sich meine Perspektive geändert. Ich konnte also nicht einfach so weitermachen wie bisher. Ich konnte aber auch nicht einfach anfangen, wie ein deutscher Künstler zu arbeiten – ich bin nicht europäisch sozialisiert. Also musste ich einen dritten, meinen Weg finden – quasi eine globale Kunst.


Viele Menschen behaupten, sie seien nicht besonders kreativ. Stimmt das? Hat nicht jeder eine kreative Ader?

Ich glaube, Kreativität ist uns von Geburt an gegeben wie unsere anderen Sinne. Wenn unsere Erziehung ihr aber nicht genug Aufmerksamkeit schenkt oder sie sogar bremst – etwa durch Konditionierung –, dann verkümmert diese Fähigkeit.

KUNST ENTDECKEN

GALERIE IM FLUR

Auf drei Etagen bietet die „Galerie im Flur“ mit über 240 qm Fläche Ausstellungsmöglichkeiten für Würzburger Künstler. Ergänzt wird diese Ausstellungsfläche um den „Textraum“, einen kleinen Unterrichtsraum im Cafeteria-Stil. In den letzten Jahren gab es in der „Galerie im Flur“ zahlreiche Ausstellungen aus den Bereichen Kunst, Geschichte und Literatur. Das Galeriekonzept der vhs basiert auf Offenheit. So ist der Eintritt immer kostenlos und die Öffnungszeiten sehr weit gefasst (geöffnet zu den Kurszeiten bzw. montags bis freitags 8 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung; in der vhs, Münzstraße 1, 97070 Würzburg).

Und wie entdeckt man seine kreative Ader wieder?

Auch wenn die Ader schwach ist, fühlen wir sie immer in unserem Körper. Bei der Entwicklung von Kreativität geht es also um eine Art Wiederbelebung. Dazu muss man sich einen Freiraum schaffen und wieder empfindsam für seine Umgebung sein.


Und darum geht es auch in Ihren Kursen, die Sie im Frühjahr an der vhs Würzburg & Umgebung geben?

Genau! Beide Kurse sind für Anfänger – für Menschen, die ihre kreative Ader wiederentdecken wollen. Und dabei will ich ihnen helfen! Im Aquarellkurs lernen wir, wie man Nordseelandschaften in Aquarell malt. Im zweiten Kurs geht es darum, Menschen in Bewegung zu zeichnen.


Und wie kann man sich das genau vorstellen?

Wir durchlaufen drei Phasen: Zuerst geht es darum, die Umgebung und die Menschen um einen herum ganz genau zu betrachten – empfindsam zu sein. Erst dann widmen wir uns der eigentlichen Technik und lernen, die Handbewegungen zu beherrschen. Im letzten Schritt bauen wir dann eine Brücke zwischen Wahrnehmung und Hand, so dass man bereit ist, kreativ zu werden.


Und dann entstehen in aller Regel echte Originale ... Was ist das für ein Gefühl, sein eigenes Werk in den Händen zu halten?

Das ist ganz unterschiedlich – viele meiner Teilnehmer sind unglaublich stolz auf ihre Werke. Manche sind auch mal enttäuscht. Das geht mir aber nicht anders: In einem Moment bin ich überglücklich, am nächsten Tag denke ich: „Was hast du dir dabei nur gedacht?“ (lacht).

Kreativ zu sein ist also auch immer etwas Persönliches, ein intimer Prozess?

Ja, aber auch etwas Gemeinschaftliches. Ich versuche meine Kurse nicht wie Schulunterricht abzuhalten. Wir sind ein Team, das gemeinsam Erfahrungen macht, sich austauscht und sich damit auf eine besondere Art näherkommt. Kunst verbindet Menschen also auch.


In Ihrer aktuellen Ausstellung „Entgrenzung“ in der vhs Würzburg geht es auch um Menschen, genauer gesagt um Akte. Was ist das Besondere daran, den Menschen in seiner ursprünglichsten Form zu zeichnen?

Ich versuche als humanistischer Künstler die Welt zu betrachten, den Menschen nahzukommen und sie wirklich zu sehen. Für mich ist die höchste Ästhetik im Körper der Menschen zu finden: scheinbar entblößt und doch mit all ihren Geheimnissen.